– Meine Erfahrungen in Liyoyelo- von Laura

Im Dezember 2013 war Laura Vogt aus Bad Oeynhausen für einige Wochen zu Gast im Projekt Liyoyelo- lesen sie hier wie Sie ihre persönlichen Erfahrungen schildert.

Meine Erfahrungen in Liyoyelo

Als ich in Liyoyelo ankam, haben mich die kleine Annie, die Mädchen und Mr. Maketo herzlich willkommen geheißen. Während der gesamten Zeit, die ich dort war, waren alle sehr freundlich und ich habe das Gefühl gehabt, dass alle glücklich waren, mich da zu haben. Nach ein paar Tagen habe ich aber auch gemerkt, dass fast alles in Sambia sehr anders ist, als ich es von zu Hause gewöhnt war und manchmal habe ich mich sogar einsam und verloren gefühlt. Ich denke, dass das dieses Phänomen ist, das sie Kulturschock nennen und es war überwältigend. Ich war vorher nie aus Europa rausgekommen und nun war ich in Limulunga und wann immer mich jemand von meinen Freunden oder Familie fragte, wie es mir ging, konnte ich nur sagen: „Es ist einfach… so anders!“. Ich konnte meine Gefühle nicht wirklich beschrieben und ich wusste, dass es Gefühle sind, die man nur versteht, wenn man sie mal erlebt hat. Es schien mir, als würde ich niemals in das Dorf passen und in meinem Kopf waren immer zwei Welten: Einmal meine gewohnte europäische Denkweise und die afrikanische Welt, die um mich herum war.

Während der ersten zwei Wochen war ich also erstmal damit beschäftigt, mit den vielen neuen Eindrücken klarzukommen und verzweifelt an meiner deutschen Mentalität festzuhalten. Ich hatte den Eindruck, dass mich die Menschen in Liyoyelo und Limulunga nur als das komische deutsche Mädchen wahrnahmen, denn genauso habe ich mich auch gefühlt. In Wirklichkeit habe ich auf die anderen vermutlich nur schüchtern gewirkt. Außerdem war ich nach Afrika mit der Erwartung gekommen, dass die meisten Menschen fließend Englisch sprechen würden, aber das war nicht der Fall. Die meiste Zeit fand ich mich in der Mitte von Stimmengewirr auf Lozi wieder und das machte mich noch einsamer. Ich dachte, dass meine Ansichten wohl nie jemand verstehen könnte und gleichzeitig habe ich nicht verstanden, wie die anderen dachten. Niemand konnte meine typisch deutschen Fragen beantworten (Was ist eigentlich dieser Lärm nachts immer? Denkst du, dass wir in Sambia dieselben Sterne sehen, die wir in Deutschland sehen, also vielleicht nur aus einem anderen Winkel? Warum flippen die Kinder alle so aus, wenn sie ein weißes Mädchen sehen?), im Gegenteil; alle schienen überrascht, dass ich überhaupt solche Fragen stellte.

Aber eines Tages nach zwei Wochen wachte ich auf und erinnerte mich an Akendes Standard-Antwort auf alle meine Fragen und Beschwerden: „Willkommen in Afrika!“ und mir war plötzlich klar: Das ist es doch! Das hier war Afrika und das war okay. Ich glaube, ich brauchte einfach diese ersten zwei Wochen des Kulturschocks, der Verzweiflung und der Orientierungslosigkeit und als ich dann plötzlich darüber hinweg war, fühlte ich mich gut. Ich konnte nun die afrikanische Lebensweise akzeptieren und fing an, sie zu mögen. Mein innerer Kampf zwischen meiner deutschen Denkweise und der afrikanischen Welt um mich war beendet und Afrika hat gesiegt, denn das war die einzig sinnvolle Entscheidung. Jetzt wo ich schon mal da war, konnte ich mir auch eine gute Zeit machen. Also habe ich Freunde im Dorf gefunden, was sich als das Beste herausstellte, das mir passieren konnte, und ich fing an, aktiv Dinge zu tun. Ich unternahm Spaziergänge, spielte mit den Mädchen und unterrichtete sogar an der High School im Dorf. Ich machte zusammen mit Annie einen Plan von Nachhilfestunden und Spielzeiten mit den Mädchen, aber das funktionierte schlussendlich nicht, denn die größeren Mädchen waren wenig begeistert von der Idee, nach der Schule noch Nachhilfe mit mir zu machen und die kleineren waren so begeistert, mit mir zu spielen, dass wir dafür keine offiziellen Zeiten brauchten. Deshalb verwarf ich die Pläne und war einfach für die großen Mädchen da, wann immer sie Fragen oder Probleme mit den Hausaufgaben hatten, und verbrachte gleichzeitig fast jede freie Minute mit den Kleinen. Ich habe auch versucht immer wieder etwas mit vielen verschiedenen Mädchen zu machen, also ließ ich meine Haare flechten, nahm einzelne Mädchen mit in die Stadt oder lud sie auf einen Tee mit Scones ein. Ich habe nie komplett das Gefühl verloren, mehr eine Art besonderer Gast für die Mädchen zu sein, und keine Freundin, was ich eigentlich sein wollte, aber vermutlich war es für sie einfach nur schwer herauszukriegen, was ich für sie sein sollte: die Lehrerin, das weiße Mädchen, der Gast, die Freundin oder das verrückte Mädchen, das bei ihnen lebte. Sie wussten vielleicht nicht einmal, wann ich wieder gehen würde, und erschienen deshalb manchmal zurückhaltend. Trotzdem hatten wir eine tolle Zeit, wenn wir einfach nur zusammensaßen und quatschten und ich hoffe sehr, dass ich den Mädchen auch etwas zurückgeben konnte. Sei es auch nur Geschichten aus Deutschland, ein paar neue Eindrücke, ein anderer Blickwinkel oder ein bisschen englische Sprachpraxis.

Jetzt, da ich zurückblicke auf meine Zeit in Sambia aus einer zeitlichen Entfernung von 4 Wochen und einer räumlichen Entfernung von 7.000 Kilometern, fällt mir auf, dass ich mich in Afrika viel mehr verändert habe, als ich es gedacht hätte und viel mehr Dinge vermisse, die ich nie erraten hätte. Ich bin so froh, dass ich das echte Leben in einem afrikanischen Dorf erleben konnte, mitsamt aller Stromausfälle, verrückten Abenteuern und Momenten der Frustration. Wenn mich jemand fragen würde, ob ich anderen die Erfahrung weiterempfehlen würde, würde ich sagen: Ja, macht es, aber seid darauf vorbereitet, dass es hart sein wird, dass ihr einsam sein werdet, dass ihr euch manchmal hilflos und verloren fühlen werdet. Aber in dem Moment, in dem ihr über diese Gefühle hinauswachst, wird es das Erlebnis eures Lebens werden.

Laura Vogt 19.01.14

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